NAHTSTELLEN - Fotos für die Pressefreiheit

„Im Windschatten Moskaus“ - Vorwort zum Bildband „NAHTSTELLEN“

von Dirk Sager

Wie ein tönerner Koloss, der vom Sockel gestürzt worden war, zerbarst über Nacht das sowjetische Imperium, dem im Westen der Ruf anhaftete, „die Welt des Bösen“ zu verkörpern. Weniger trieb die slawischen Rädelsführer der Intrige demokratischer Heldenmut um, als der innige Wunsch, den sowjetischen Präsidenten Gorbatschow aus dem Kreml zu vertreiben. Vage waren die Vorstellungen, welche politische Zukunft den damit plötzlich in die Unabhängigkeit entlassenen ehemaligen Sowjetrepubliken beschieden sein sollte. Die wieder erstandenen baltischen Staaten nahmen sich die Souveränität, auf die sie vorher schon Anspruch erhoben hatten, in Zentralasien hingegen regte sich zunächst Empörung über den Alleingang der Putschisten aus Kiew, Minsk und Moskau. Erst als sich wenige Tage später die frisch gebackenen Staatschefs in der weißrussischen Hauptstadt trafen, um nach einer Waffen strotzenden Leistungsschau der sowjetischen Streitkräfte deren Aufteilung zu beschließen, schien es den einstigen Republikchefs zu dämmern, welche Macht ihnen die Gunst des Schicksals zugespielt hatte. Zwölf der jungen Staaten, die das Erbe der Sowjetunion antraten, beschlossen hinfort als „Gemeinschaft unabhängiger Staaten“ (GUS) weitere Zusammenarbeit (Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan, Kirgisien, Moldawien, Russland, Tadschikistan, Turkmenistan, Ukraine, Usbekistan und Weißrussland).

In jenen turbulenten Tagen konzentrierte sich das Interesse des Westens zumeist auf die Frage, ob es der Führungsmacht Russland gelänge, die Kontrolle über alle Atomwaffen der einstigen Sowjetmacht zu gewinnen. Auch lenkten die bewegten Ereignisse die internationale Aufmerksamkeit zumeist auf das politische Geschehen in Moskau. Die westliche Beglückung über das Ende der Sowjetunion war so groß, dass die Stunde ihres Untergangs nicht mehr Phantasie für künftige Gestaltung abzuverlangen schien. Der Sieg der Demokratie über ein System der Unterdrückung schien ein Selbstläufer zu sein.

Es kam ganz anders. In keinem der GUS-Staaten gelang es, eine stabile Demokratie zu etablieren. Im Windschatten des autoritären Systems, das sich in Moskau verfestigte, nahmen in den meisten Staaten autoritär regierende Clanchefs, die der kommunistischen Nomenklatura entstammten, ihr Land in einen festen Griff. Nicht einmal internationale Organisationen wie der Europarat oder die OSZE, in denen die jungen Staaten Mitglied wurden und deren Wertekanon Leitlinie innenpolitischer Entwicklung hätte sein sollen, bewahrten sie vor dem Abdriften in Regime, in denen Bürgerrechte und Pressefreiheit nicht gelten.

Die Konsequenzen für jene, die gegen autoritäre Regime opponieren, gegen Menschenrechtsverletzungen protestieren oder als Berichterstatter davon Zeugnis ablegen, sind dramatisch. Keine Statistik, die begangenes Unrecht aufführt, kann den Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Im Gefolge der abschreckenden Vorbildrolle Russlands – allein in der Amtszeit Putins wurden 18 Journalisten ermordet – haben sich in der Mehrheit der GUS-Staaten in unterschiedlicher Schattierung Machtsysteme entwickelt, in denen die Freiheit der Meinung unterdrückt wird. Morde an Journalisten schaffen ein Klima der Angst.

Die Fotografinnen und Fotografen, deren Bilder in diesem Band versammelt sind, lenken den Blick auf die Menschen der GUS-Länder – auf betrogene Hoffnungen an Gerechtigkeit und Lebensglück. Aber auch auf die Notwendigkeit, Grundrechte und Freiheiten einzuklagen. Es ist bezeichnend für die Lage, dass aus Usbekistan Bilder zurückgezogen wurden – aus Angst vor Repressionen.

Reporter ohne Grenzen bedankt sich bei allen, die ihre Bildserien und Texte unentgeltlich zur Verfügung stellen und unsere Arbeit unterstützen. Unser Dank gilt auch denjenigen, die sich für Presse- und Meinungsfreiheit in diesen Ländern einsetzen. Sie brauchen Unterstützung und Öffentlichkeit.

Dirk Sager für den ROG-Vorstand

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